Erbdreck

Bild: Konrad Olesch

Es war einer dieser Tage an dem mich der Erbdreck, den jeder eben so mit sich rumschleppt, einholte. Als hätten wir in der Gegenwart nicht schon genug Herausforderungen zu stemmen, funkt die Vergangenheit auch noch ab und an dazwischen. Hat sie meine Email nicht bekommen, in der ich eine klare Ansage mache, dass sie sich damit abfinden soll, dass sie in meinem jetzigen Leben nichts zu suchen hat?! Die Vergangenheit hat sie wohl noch nicht gelesen, denn sie hat sich heute mal wieder selbst eingeladen. Sie steht da, zwinkert mir frech zu, und sagt: „Hey. Du wirst nicht geliebt. Nur rum geschubst und wenn du nicht perfekt bist dann wirst du abgeschoben oder eben verlassen. Und wenn jemand was von dir will dann sagst du gefälligst ja. Weil du ja nicht nein sagen kannst. Und wenn dann hast du Tage lang ein schlechtes Gewissen. Und wenn dir jemand zu Nahe kommt dann fährst du deine Schutzmauer hoch wie du es dir in deiner Kindheit antrainiert hast um nicht verletzt zu werden. Fühlt sich scheiße an, oder?! Du willst Anerkennung? Los! Arbeite bis zum Umfallen sonst will dich eh keiner. MACH SCHON! LOS!“ Eine Weile höre ich mir das an. Eher aus Höflichkeit weil die Vergangenheit ja ein alter Bekannter ist. Und dann reicht es mir! Bis hierhin und nicht weiter! Ich rufe eine Freundin an und erkläre ihr, dass sie Kaffee kochen muss und ich gleich da bin. Ein Notfall sozusagen. Endlich angekommen bei ihr auf der Terrasse, mit dem riesen Kaffeebecher in der Hand, berichte ich ihr von dem bescheuerten Tag. Wie ich meinen Partner mal wieder völlig unberechtigter Weise angepflaumt habe, von meinem Chef der mir keine Anerkennung gibt und überhaupt. Sie lächelt mich an und sagt: Wir checken jetzt mal deinen Werkzeugkasten. Ich glaube sie ist übergeschnappt. Aber was soll’s, reden wir eben über meinen Werkzeugkasten. Das lenkt mich zumindest ab. Sie nimmt die leere Schüssel, wo gerade noch Erdbeeren drin waren und stellt sie vor mich hin. Sie geht in die Küche und bringt noch ein paar Schüsseln. Alle leer. Und dann fängt sie an mir Ihre Theorie zu erklären. Pass auf: Jeder wird mit einem leeren Werkzeugkasten geboren. Der ist bei der Geburt als Gratiszugabe sozusagen dabei. Das ist deiner und zeigt auf die leere Erdbeer-Schüssel die vor mir steht. Dann stellt sie die anderen leeren Schüsseln dazu. Auch deine Eltern und Großeltern waren mal klein und haben so einen Werkzeugkasten bekommen. So und jetzt ist es normalerweise die Aufgabe der Eltern in den Werkzeugkasten ihrer Kinder Werkzeuge reinzulegen, die das Kind später im Leben gut gebrauchen könnte. Zum Beispiel sowas wie Liebe, Anerkennung, Wertschätzung, Vertrauen, eine gesunde Streitkultur usw. Alles Dinge, die einem Kind mit auf den Weg gegeben werden sollten. Guck dir deinen an. Was glaubst du was da drin ist? Ich denke nach und sehe viele Bilder vor meinem inneren Auge. So sitze ich ein paar Minuten da und überlege.

Ich schaue mich also auf dem Tisch um und nehme die Kekse und esse jeweils Ecken ab da meine Werkzeuge gefühlt nicht vollständig oder eben garnicht da sind. Die angefressenen Kekse lege ich in die Schüssel vor mir die meinen Werkzeugkasten darstellt. Da liegen jetzt 3 kleine Keksstückchen in meiner Schüssel. Ich gucke sie an und habe ein ABER auf den Lippen. Warum wurde mir das verweigert? Wie konnten die das machen? So ungerecht! Jetzt warte doch mal. Ich bin doch noch garnicht fertig winkt sie lächelnd ab. Klar ist das was du erlebt hast sagen wir mal suboptimal. Nett wie sie das umschreibt aber wie soll mir das helfen? Sie schiebt die Schüsseln näher an mich ran. Jetzt guck da rein. Was ist da drin? Ich überlege. Naja nicht so viel in der da. In der ein bisschen mehr und hantiere mit den Keksen rum, die ich in den Schüsseln verteile. Die da ist bis auf ein paar Krümmel leer sage ich. Und jetzt guckt sie mich mit einem verständnisvollem Blick an. Deine Eltern haben nur das da mitbekommen auf ihrem Weg von ihren Eltern. Sie konnten es dir nicht geben weil sie es selbst nicht hatten. Woher hätten sie es nehmen sollen? Es ist nicht da und zeigt auf die Schüsseln. Klar hätten sie sich in ihrem Leben um das fehlende Werkzeug bemühen sollen. Aber das hilft dir jetzt auch nichts. Du musst nur wissen, dass sie dir die Dinge nicht aus Bosheit vorenthalten haben. Sie hatten sie einfach nicht. Du wirst dir die Dinge jetzt besorgen damit du deinen Kindern Werkzeuge bieten kannst, hörst du? Ich könnte sie knutschen. Soviel Aha Moment hatte ich schon lange nicht mehr. Ich verstehe endlich. Das macht Sinn! Ich habe die ganze Zeit entweder geschimpft, mich selbst bemitleidet oder die nicht mitgelieferten Dinge von Anderen eingefordert. Von Chef’s, von Partnern usw. Das kann ja nicht funktionieren. So habe ich das noch nie gesehen. Klar wie hätte meine Geschichte/Vergangenheit anders laufen sollen? Das Werkzeug war in unsere Familie nie vorhanden. Ich muss es eben selbst besorgen. Böse sein oder nachtragend wird nicht helfen. Sie konnten nicht anders. Puh ganz schön tiefgründig wie ich finde und dabei dachte ich sie ist übergeschnappt. Meine Freundin stellt mir noch einen Kaffee vor die Nase und füllt die Schüssel wieder mit Erdbeeren. Ich esse, in der Zwischenzeit, die von mir angefressenen Kekse aus den Schüsseln. So gut! Ich entspanne mich langsam und fühle mich irgendwie eine Tonne leichter. Meine Freundin setzt sich neben mich und wie aus dem Nichts sagt sie: Stell dir mal vor du hättest nur das eine Leben. Ich lache und denke also doch übergeschnappt. Nein ernsthaft. Jetzt mal Spaß beiseite. Stell dir das doch einfach mal vor. Ja aber das haben wir doch?! Nur das eine?! Ja eben sagt sie! Ok stell dir mal vor ich würde morgen in den Urlaub fahren und es ist so, dass dies das Einzigste Mal ist das ich in den Urlaub fahre. Dann nie wieder. Was würdest du mir sagen? Na ganz klar meine ich. Genieß deinen Urlaub! Hab Spaß! Koste es voll aus, sei verrückt. Probier die Sachen aus auf die du Lust hast. UND Ich will danach alle Details. Versteht sich von selbst. Ja und was stimmt jetzt mit uns nicht, dass wir Menschen das nicht genauso mit unserem Leben machen? Wir leben doch nur einmal! Sind wir denn bescheuert?! Für Andere haben wir immer so gute Ratschläge aber für uns selbst ist das immer so schwierig denken wir. Alles Quatsch! Es ist ganz einfach! Die Zeit, die wir hier auf der Erde verbringen dürfen sollen wir Spaß haben. Ehrlich jetzt. Das ist der ganze Trick. Wir lachen beide weil es so simple und doch so wahr ist.

Ich umarme sie zum Abschied und bin dankbar, dass ich sie kenne. Bei ihr sieht das Leben so einfach aus. Aber sie hat sich diese Sicht auf das Leben hart erarbeiten müssen und weiß sehr genau von was sie spricht. Ich liebe ihre Erklärungen, die sie für fast alles hat und ihre lebensfrohe Art. Ich hoffe, dass ihr Buch „Irgendwas ist ja immer“ ein Erfolg wird und noch viele Andere in den Genuss kommen ihre oft ironischen und eher locker geschriebenen Erkenntnisse zu lesen. Das sie anderen Mut damit macht. Sie ist eine starke Frau, die aus allen Erfahrungen, ob gut oder schlecht, etwas gelernt hat. Sie zu ihrem Vorteil genutzt hat. Sie motiviert und stärkt gern Andere wo sie nur kann und man nimmt es ihr ab. Keine leeren Worthülsen sondern immer, aus Erfahrung heraus, auf den Punkt gebracht. Der Kaffee Nachmittag hat meinen Tag gerettet. Ach was, ich spüre es, der Nachmittag auf der Terrasse hat mich grundlegend verändert. Ich winke aus dem Auto raus und drehe das Radio auf. Bruno Mars jetzt zeig ich dir mal was Singen ist und fahre davon…

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